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Angeln in gebohrten Eislöchern
Wir wollen angeln gehen. Der „Weiße See" heißt auch so, wenn er nicht mit Eis und Schnee bepackt ist. Wir  haben den großen Eisenbohrer geschultert, die Eimer um den Leib geschnallt, baumelnd, die Angeln kurz und klein. Tutscha, das Wölckchen, der Hund, kommt mit und umfliegt uns, Kolja, Sergej und mich.

Sergej ist Maler in St. Petersburg, Kolja, sein Freund pensionierter Förster hier im roten Bor. Der eine trinkt Wodka, der andere nicht mehr. Rührt auch nicht meine mitgebrachte Torte an. Er isst nur das, was er immer isst. Darauf hat sich sein Körper hier draußen eingestellt. Wenn Sergej Kolja besucht, dann bringt er allerdings 5 oder 6 Eishörnchen mit, die schleckt er schweigend dann mit Wonne allmählich weg. Trotz mehrerer gebohrter Seelöcher wird nichts geangelt. Man hockt um Stunden über einem Eimer, der  einen kleineren drinnen hat wo die Würmer im Dreck sind. So frieren sie nicht ein.

Besuch bei Lucia und Kristina
Aus einem Haus kommt Musik. Ich bin Tutscha hinterher die etwas im Wald wild anbellt. Ich weiß, dass hier auch noch Bären Winterschlaf halten. Später seh ich Kolja, der auch gerad des Weges kommt, das angeln drangegeben hat  und mich zu einem Besuch bei seiner Schwester Lucia einlädt. Sie hat langes
dickes graues Haar zu einem Knoten gebunden und trägt zu ihrem ollen Kittel wunderschöne Ohrringe.
Dann erschrecke ich, da man ihr Glasauge sieht. Später erfahre ich, dass sie es vor 30 Jahren beim Holzhacken durch einen abspringenden Speit verloren hat. Ihr Holzhaus ist klein und wunderschön. Wir trinken Tee und essen Wurst. Kolja bringt seine Schwester zum Weinen, ich verstehe den Grund nicht und blicke umher. Ihre 15 jährige Nichte zeigt mir ihr und Omas Bett in der Stube. Ein Gefühl bei Frauen zu sein ist schön. Hier ist es anders. Man schläft nicht auf leeren Autobatterien, die seit Jahren unter das Bett geschoben werden. Man ist nicht umgeben von einem Knäuel von Gegenständen deren Anfangsfaden schwer zu erkennen ist. Hier wirkt die Stube wie eine mit Geschenkpapier und schönen Stoffen verkleidete und verklebte Pappschachtel, eine Schatulle und der Blick hinaus hat etwas genauso Liebliches. Wieder die helle frische des Schnees die mit der Frühlingssonne herein scheint. Kleine Blumenmuster, Kissen und Decken bunt geflickt, aufeinander gestapelt oder noch zerwühlt finden ihre Fortsetzung in den verschiedenen Tapetenstückelchen, als wenn man jedes Bonbonpapier geglättet und verwendet hätte. An einigen Stellen hebt sich die Tapete ab. Mit aufgeklebten Bildern aus Zeitschriften, Spitzen und kleinen Spiegeln, den alten Ikonen wirkt das Zimmer selbst wie eine große Reliquie. Kristina erzählt und erzählt, fragt und fragt  während ich fotografiere. Sie fährt morgen wieder zu ihren Eltern. Da geht's dann mit der Schule weiter. Die Oma bleibt. Ein gelber Kinderanorak und ein Karton mit alten Bilderbüchern, alten Schulbüchern, schon angespitzten Buntstiften, Kartenspiele ist schon für den nächsten Besuch aus der Stadt hergerichtet. Der wird sein wenn der Schnee in Matsch und der Matsch sich in begehbare Wege verwandelt hat. Lucia weint aus ihrem einen Auge.

Das Feuer, sein Geruch, das Knacken, das Hineinschauen,
das Schnarchen von Sergej und der feine dünne Kolja. In der Küche taut das in Eimern hereingetragene Eis zu Wasser. In Schalen und Schüsseln wird es dann mehrfach umgeschüttet und landet letztlich in einem Eimer wo sich alle Abfälle des Tages wie auch das Pipi der Nacht sammelt. Vor dem Haus und  fast vor der Nase des Nachbarn dann eine Müllstelle, die untergegraben wird, aber erstmal auch nicht. An diesem Abend  trinkt Sergej nicht Wodka, sondern Weißwein, wie sich am anderen morgen herausstellt schlechten. Ich hatte mich vor 3 Tagen für Rotwein entschieden, bulgarischen, trockenen. Er schimpft schnell, hält mir meinen komplizierten Charakter vor. Sein Vater war auch im Krieg. Sergej ist 55 Jahre und stammt aus Luhansk. Das liegt in der Ostukraine. Das elterliche Haus hat er vor 5 Jahren verkauft und für das Geld eine 300 Jahre alte Datscha hier im roten Bor einige km nördlich von Petersburg erworben. Wir weinen beide.


Schütteres, zu lang gewachsenes Haar, das auf dem Kopf des Malers zu Berge steht
.
Vieles bleibt rätselhaft und ich nehme mir vor beim nächsten Besuch im  Sommer besser russisch sprechen zu können. Koljas Frau arbeitet in der Stadt und  wird im Mai eintreffen. Dann gibt es hier viel zu tun. Man kümmert sich um das Land und bearbeitet die Erde, ist angewiesen auf  das was sie hergibt. Momentan wird viel in der Forstwirtschaft gearbeitet. Das ist bei Frühlingsbeginn ab Mai vorbei.

Am anderen Morgen ist der Tag wie ausgewechselt, verhangen und  ein dichtes Schneegestöber in fetten Flocken verfolgt uns bis Alehovschina. Sergej kauft dicke fleischgefüllte Teigtaschen im Lebensmittelladen, in dem man auf dem Weg zur Datscha und von der Datscha Station macht, um eben diese Bulatschkis einzukaufen. Diesmal muß er sie  gleich alle verzehren, weil wir uns auf spiegelglatter Fahrbahn kurz zuvor mehrfach mit dem Auto drehten und wir nur mit sehr viel Glück so unbeschadet davonkamen. So war nach 6 stündiger Autofahrt und den zu haus gelassenen Problemen eines Künstlers auch schon klar, dass in Petersburg eingetroffen, er mit dem Wodka wiederloslegt. An diesem Abend erzählte er mir aus seiner Sicht meine Ankunft vor 5 Tagen. Wie superschnell ich seine schwarze Pilzsuppe in eine gesundheitsgefährdende Brühe umbewertete und ihm vorschlug vielleicht besser Spaghetti im nah gelegenen Lebensmittellädchen fürs Abendessen  einzukaufen. Die Suppe wurde ins Klo geschüttet und er sagte mir nichts von den Pilzen, wie Kolja, Natascha, Lucia und er im roten Bor losziehen, um sie im Herbst zu sammeln. Danach in Pilsscheiben geschnitten, spießt man sie auf und trocknet sie um Wochen auf Stöckchen über dem Ofen.

Am nächsten Tag kocht Sergej erneut eine solche Suppe. Und wie lecker sie ist. Ich schmecke regelrecht was da schief gelaufen ist. Ich denke, dass es nicht schwer fällt hier in Bildern aus Träumen und Poesie zu versinken wie auch Skuriles und Spektakuläres zu erhaschen, dass aber dahinter auch eine andere Wirklichkeit steht, die sich nur selten öffnet und schmecken lässt. Der beste Pilssuppengeschmack vom Roten Bor!

© 2008